RailComPlus® - ein kleiner Schritt für den Modellbahner, aber ein großer Schritt für DCC...
Wir schreiben das Jahr 2011 und ich einen neuen Senf-Artikel. Grund dafür ist eine Neuheit dieser Spielwaren-Messe in Nürnberg.
Nicht das einen Neuheit auf dieser Messe so ungewöhnlich wäre, aber mir RailComPlus® wurde etwas vorgestellt, was zwar nur
wenig Nutzen für den Modellbahner verspricht, aber die Modellbahn-Welt doch beträchtlich verändern kann. Ungewöhnlich
war auch die Art der Präsentation. Die Firmen Lenz und ESU präsentierten RailComPlus® auf der Messe. Andere Hersteller
von DCC und auch Mitglieder der RailCommunity wurden darüber nicht informiert und waren sehr überrascht.
Was kann RailComPlus®
Im Wesentlichen bedeutet das PLUS, dass sich eine Lok nun an der Zentrale selbstständig anmelden kann. Dieses Feature
ist für den Märklin-Bahner seit einigen Jahren unter der Bezeichnung "MFX" bekannt. Nun soll auch der
DCC-Bahner diesen Luxus geniessen dürfen.
Was kann eigentlich RailCom ohne Plus bereits?
Die Erwartungen an RailComPlus® sind hoch. Nachdem RailCom® (ohne Plus) seit einigen Jahren
ziemlich in einer Schockstarre verharrt, wird nun neuer Wind in den Segeln erwartet. Im Moment ist das auch nötig,
denn das Produkt-Spektrum bei RailCom ist durchaus sehr lückenhaft. Zwar gibt es viele Dekoder und auch einige Zentralen,
die RailCom können, aber für die Geräte "dazwischen", also für die "Infrastrucktur" ist
kaum was zu finden. Eine Übersicht über die RailCom Detectoren, die eine Lok in einem Gleisabschnitt über RailCom identifizieren können,
gestaltet sich sehr kurz (und wäre bei Berücksichtigung der bereits ausgelieferten Produkte noch bedeutend kürzer!):
Tams Detektoren RCD-1 oder RCD-2
kann 1 Gleis überwachen und bietet als einziges existierendes Modul die Möglichkeit, die RailCom Information in den PC zu bringen.
Eine RailCom Lok kann in dem entsprechenden mit dem RCD-1/2 überwachten Abschnitt dann im PC identifiziert werden. Ca. 20.- € als Bausatz.
Lenz RailCom Adressanzeige LRC12
kann die Adresse der Lok im überwachten Gleisabschnitt darstellen. Keine Verbindung zur Zentrale oder zum PC.
Lenz Lokaler RailCom Detektor LRC130
kann 4 Gleise überwachen und kommuniziert dann mittelv "RailCombus" über das RailCom USB-Gateway LRC135
direkt mit dem PC. Eine Neuheit von 2009, bisher aber nicht ausgeliefert., Preis noch nicht benannt.
ECoS Detector
kann 16 Gleise überwachen, aber nur aus 4 davon die RailCom Info auslesen. Kann über ECoSlink-Anschluss
nur mit ECoS oder CS1-Reloaded betrieben werden. Eine Neuheit von 2009, bisher aber nicht ausgeliefert und mit 179.- €
ein echter Kostenfaktor.
OpenDCC Projekt: BiDi-Leser für Xpressnet
ein Selbstbau-Projekt, welches ein Gleis überwachen und die Info via Xpressnet an die Zentrale senden kann. Wird als
Projekt zu Entwicklungs- und Testzwecken benannt.
so, schon fertig die Liste! (Stand: 3/2011)
Nutzen für den Anwender
Mal angenommen Sie haben durch irgendeinen glücklichen Umstand eine neue DCC-Lok auf dem Gleis stehen.
Die übliche Vorgehensweise wäre es nun, die Adresse der Lok zu ermitteln. Entweder steht diese in der Anleitung,
oder man liest eben das CV-Register 1 aus. Nun stellt sich noch die Frage, welche Funktionen die Lok den nun
bei den F-Tasten Fx hat - eine Aufgabe die man gerne durch Ausprobieren erledigt und sich dann gerne überraschen lässt.
Bei einer Zentrale mit Lok-Datenbank würde man nun eine Lok anlegen, sich ein Lok- Symbol raussuchen, die Adresse eintragen
und ggf. die Funktionen mit passenden Symbolen definieren. Damit ist die Lok angelegt und kann dann z.B. über Auswahl der
Lok-Piktogramms oder der Lok-Namens auf den Regler holen und fahren.
Ein RailComPlus® Fahrer kann sich die Arbeits-Schritte von der Adress-Ermittlung bis zum Datenbank-Eintrag sparen. Die Lok macht
dies selbstständig. Auch wird die Lok-Adresse angepasst, sollte bereits eine Lok mit dieser Adresse vorhanden sein.
Probleme für den Anwender
Das klingt ja eigentlich sehr schön. Auspacken und Fahren und glücklich sein?
Zunächst einmal müssen die Voraussetzungen an Lokdekoder (Lenz oder ESU der neusten Generation) und Zentrale (im Moment nur ESU ECos2)
erfüllt sein. Natürlich ist es der Modellbahner inzwischen gewohnt, regelmäßig seinen Geräte-Park zu erneuern.
Das Fleischmann FMZ-System wurde durch z.B. nach 20 Jahren durch die Intellibox ersetzt, da FMZ nicht mehr hergestellt wurde.
Die Intellibox wurde dann 10 später gegen eine ECoS ausgetaucht, da diese den schön großen Bildschirm hat. Weitere 5 Jahre später
darf man nun auf die ECoS 2 wechseln - bunter Bildschirm und RailComPlus® sind die Argumente.
Ebenfalls finde ich es schade, dass dem Anwender wieder ein Stück des technischen Zusammenhanges unserer Welt entrissen wird.
Es war bisher jedem klar, dass eine Lok eine Adresse braucht. Man kriegt Probleme, wenn eine Adresse doppelt vergeben wird.
Dieses Prinzip ist ein fundamentales in der Technik und gilt z.B. auch für Telefon-Nummern, das dürfte jedem klar sein. Es gilt aber auch für
die IP-Adressen im Internet oder USB-Geräte - alle Geräte haben eine eigene Adresse. Dieses grundlegende technische Prinzip
wird jedem Jungen von 10 Jahren sofort klar, wenn er 2 Loks mit derselben Adresse auf dem Gleis hat. Die nächste
Generation wird die Lok dann eben auf das Gleis stellen und fertig. Nix mehr mit Adressen, keine Probleme mit Adress-Konflikten
und damit auch keine Möglichkeit zu lernen, was dann passiert und wie man es löst. Sollten doch mal irgendwelche
Probleme auftreten - man KANN gar nichts mehr lösen. Man versuch es eben nochmal, stellt die Lok erneut auf das Gleis.
Wenn die Anmeldung dann nicht klappt schickt man die Lok eben einfach zurück. Sicher begibt sich die
Modellbahn-Technik einen Schritt in Richtung Benutzer-Freundlichkeit. Der Technik-Muffel mag sagen: ich fahre auch Auto und weiss nicht,
wie es funktioniert - und auch meine Adresse im Internet muss ich nicht selber aussuchen, diese wird mir (bzw. meinem Computer) einfach
irgendwie zugeteilt. Ich hingegen betrachte die Modellbahn als "Einstiegsdroge" für das Interesse an der Technik.
Wohl jeder Ingenieur wird von solcher "Einstiegsdroge" berichten können. Der eine hat Radios vom Schrott geholt, demontiert
und zu verstehen oder reparieren versucht, der nächste hat HiFi Verstärker nachgebaut, spätere Generationen haben eben sich einen
PC selber zusammengestellt.
Wo sind nun diese "Einstiegsdrogen" heute? Glauben Sie, es wäre machbar ein I-Pod zu demontieren? Oder einen I-Pad zu bauen?
Nö, ist es nicht. Die Studenten-Zahlen in den Ingenieurs-Bereichen zeigen das Ergebnis dieser Entwicklung. Man "twittert"
sich durch die Welt - dir Technik dahinter machen eben die anderen...
Im Moment ist es zwar soweit, dass man einen Lokdekoder bereits nicht mehr reparieren kann - und kostet er auch 129,- €.
Aber man kann den Dekoder immerhin noch selber in eine Lok einbauen. Auch wenn es inzwischen einige Loks gibt, die Aufgrund ihrer
Funktions-Vielfalt bereits dies nicht mehr ermöglichen (nicht "nur" Sound, sondern auch dynamischer Raucherzeuger,
glühende Bremsscheiben, Funkenbildung beim Bremsen,
bewegende Pantographen etc.). Ich bin auch ein Fan solcher Funktionen. Aber seien wir ehrlich - man kann diese Loks "nur"
noch Fahren lassen. Man kann sowas nicht selber in eigene Loks nachrüsten. Man kann nicht mal etwas reparieren. Man ist nur noch
Zuschauer und freut sich am fertigen Modell. Zumindest einigen Modellbauer fühlen sich um den Bastelspass gebrascht...
Passen Sie auch auf, dass Sie nicht die Kontrolle über Ihre RailComPlus® Loks verlieren. Ich meine hier nicht,
dass diese einfach losfahren. Vielmehr werden ja die Adressen der Loks bei RailComPlus® angepasst, wenn diese
Adresse bereits vergeben ist. Überlassen Sie RailComPlus® nicht die komplette Adress-Verwaltung. Sonst werden
Sie nicht wissen, welche Adresse die Lok den nun tatsächlich hat - spätestens beim Einsatz auf der Vereins-Anlage oder einem Freund mit
einer nicht RailComPlus®-Fähigen Zentrale wird sich dies rächen...
DCC - quo vadis?
Bisher war DCC ein offenes System. Alle Beschreibungen für das DCC-Protokoll liegen offen. Jeder durfte einfach
DCC-Dekoder entwickeln, er braucht lediglich eine Hersteller-ID z.B. für das Auslesen der Hersteller-Kennung
aus der CV 8.
Das scheint nun anders zu werden: RailComPlus® wird nicht öffentlich beschrieben oder gar diskutiert.
ESU und Lenz haben sich einen Vorsprung erarbeitet, indem sie bereits erste Produkte ankündigen konnten, während
andere Hersteller völlig überrascht waren. Hinzu kommt: Wer RailComPlus® in seine Decoder integrieren
möchte, braucht eine Lizenz. Dies ist schon deshalb nötig, weil jede Lok eine eindeutige Nummer benötigt
(wirklich JEDE produzierte Lok, nicht nur jede produzierte Baureihe. Nur dadurch ist sichergestellt, dass die
Zentrale auch 2 Loks des gleichen Typs auf der Anlage unterscheiden kann - so wie es jede Telefon-Nummer nur einmal geben darf!).
Dies wiederum bedeutet, dass diese Lok-Nummern zentral verwaltet und den Herstellern dann entsprechende
Adress-Bereiche zugeordnet werden müssen.
Die Lizenz-Vergabe erfolgt durch ESU / Lenz. Diese werden also quasi
die Produkte ihrer Komkurrenz für RailComPlus® zertifizieren. Auf der Lenz Website heisst es hierzu:
"Bevor ein Produkt das Logo tragen darf (und damit signalisiert, dass es problemlos mit
Ihren anderen Komponenten mitspielt), wird jedes Produkt umfangreichen Tests unterzogen"
Mal sehen, ob jemals ein weiterer Hersteller diese "Tests" bestehen wird und wie hoch die
Hürden für Test, Zertifizierung, Zuweisung der Adress-Bereiche, Logo-Vergabe etc. mit ihren ggf. anfallenden
Gebühren sein werden.
Haben sie sich eigentlich mal gefragt, warum es für MFX-Dekoder genau 2 Hersteller gibt? Dies liegt nicht an
der technischen Komplexibilität von MFX. Vielmehr ist auch bei MFX ebenfalls die Zuweisung von Adress-Bereichen
nötig, sodass schon hierüber jeder "Wildwuchs" von "Fremdanbietern" zuverlässig unterdrückt werden
kann. Man kann also die Konkurrenz schön im Zaum halten - übrigens ein Merkmal für ein Monopol.