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Roco ist insolvent - wie konnte das passieren?

Die Insolvenz von ROCO nehme ich hier mal zum Anlass, meinen Senf zu diesem Thema auf Ihren Bildschirm zu bringen. Es stellt sich nämlich die Frage: wie konnte das passieren?
 
Dafür gibt es viele Theorien und ich möchte mich hier nicht in den Chor derjenigen einreihen, die die Insolvenz an bestimmten Personen oder an der Firmenpolitik festmachen. Immerhin ist Roco nicht die erste Modellbahn-Firma, die es erwischte: Arnold, Lima sind schon weg und Märklin machte letztes Jahr auch teilweise einen etwas blassen Eindruck. Trix wurde übernommen, und Sachsenmodelle... - na egal.
Daraus kann man schließen: es kriselt in der gesamten Branche. Kein Wunder: die meisten Modellbahn-Kunden sind bereits im Rentenalter. Und wenn ich das mal so ausdrücken darf: der Kunde stirbt weg, es werden erhebliche Mengen an Material vererbt, die Erben schieben das Ganze Zeug zu EBAY und die Preise rutschen in den Keller.
 
Die Kernfrage ist: wo bleibt die Jugend? Warum begeistern sich die junge Generation so wenig für diese Hobby? Ich denke, das ganze ist eine Detail-Frage: je tiefer man ins Detail geht, desto interessanter wird es. Und genau hier hapert es!
 
Die heutige Welt einschliesslich der Modellbahn-Welt ist heute für die meisten Menschen nicht mehr begreifbar. Eine analoge Bahn kann noch fast jeder technisch Begabte verstehen. Und selbst das fiel mir als 14jähriger noch ziemlich schwer. Aber man konnte mit einem kleinen Glühbirnchen mit zwei Kabel dran so gut wie jeden Fehler finden - es ersetzte den Spannungsmesser. So wurde ich z.B. langsam an die Elektrotechnik herangeführt. Verzweifelt versuchte ich, eine Bremsstrecke vor einem Signal mit einem Widerstand zu realisieren, der dann aber beeindruckend schnell verglühte. 8 Jahre später hatte ich mein eigenes Digital-System nachgebaut. Ich konnte also langsam die Welt der Elektrotechnik erforschen. Durch viele kleine Selbstbau-Erfolgen wurde ich immer tiefer ins Detail getrieben.
Dem heutigen 14jährigen bietet sich ein ganz anderes Bild: Die Loks haben Sound und melden sich irgendwie an der Zentrale an, Kräne drehen sich und sogar die Drehscheibe kann man verwenden ;-). Alles ist irgendwie schon fertig, Eigenbau-Initiative ist (bis auf das Zusammenstecken der Gleise) nicht mehr gefordert. Eine Lok braucht man nicht mehr aufzuschrauben, entweder sie funktioniert, oder nicht. Selber machen ist nicht.
 
Mit anderen Worten: man geht nicht ins Detail. Damit ist die Modellbahn nicht anderes mehr als der Fernseher, der PC oder die Spielkonsole - ein Gerät, das man benutzen kann, bis es kaputt ist - fertig ! Erst, wenn man von einer Materie bereits Detailwissen erlangt hat, wird es interessant.
Wer in einem dieser riesigen Technik-Märkte steht und sich ein Unterhaltungs-Gerät aussuchen soll (also etwas, das er eigentlich nicht braucht), dann stehen z.B. zur Auswahl: Digitalkamera, Laptop, Fernseher, MP3-Player, Videokamera, Satellitenanlagen, Navigationssysteme, HiFi usw. Dies steht in Konkurrenz zur Modellbahn. Und wer sich hier nun etwas aussuchen soll, der wird etwas wählen, von dem er bereits Details kennt („meine Digitalkamera hat zuwenig Pixel") oder von dem er meint, es könnte ihm in der Zukunft nutzen („ich will Videos von meinen Sohn machen"). Wer aber keine Ahnung hat von Navigationssystemen und noch nie eins im Einsatz gesehen hat, also den Nutzen nicht kennt, wird es nicht kaufen („wat soll ich denn damit? Ich habe doch einen Globus!").
Also kauft er das, womit er sich auskennt und was ihm noch fehlt, oder er kauft etwas ganz neues und unbekanntes, weil er darin einen Nutzen sieht.
 
Nun: einen Nutzen in der Modellbahn zu erkennen, ist wirklich zunächst schwer, da es sich mehr um indirekte (oder sekundäre) Nutzen handelt. Keiner kauft eine Modellbahn, um Güter zu bewegen. Dabei ist dieses Hobby so vielseitig wie kaum ein anderes: Man hat etwas Holzarbeit, lernt etwas Geschichte, arbeitet mit Farben, macht Fotos und man fängt plötzlich an, sich seine Umwelt ganz genau anzusehen - man will diese schliesslich nachbauen! Man beschäftigt sich mit Architektur und Brückenbau, plant Strassen und Bahntrassen und kann das Signalwesen der Bahn erklären.
Aber: man erkennt erst mit der Zeit, was man plötzlich alles so nebenbei gelernt hat („seit wann kennst Du Dich denn mit Baustilen aus und weist was über Jugendstil?"). Diesen Nutzen erkennt man erst viel später, zu spät für einen Einsteiger.
 
Es sei denn, man weckt das Interesse über Details, indem der Neuling so tief an das Hobby (bzw. an einen Teil-Problem) herangeführt wird, das Interesse entsteht.
 
Ein Beispiel: ein Biologe geht mit seiner Schulklasse ins Watt (das haben wir hier Kiloweise rumliegen, aber auch nur manchmal!). Die Erklärungen: Variante a) „das ist ein Fisch, das ist ein Vogel..." - langweilig, keiner wird für die Biologie begeistert sein. Variante b) „das hier ist ein Wattwurm, den graben wir jetzt mal aus, sehen wie er so wohnt und was er so den ganzen Tag macht..." - hier könnte auch schon mal ein Grundsteine für eine Biologen-Karriere gesetzt werden.
 
Also: geht auch mal ins Detail!
 
Modellbahnhersteller: ermöglicht es den Kunden, ins Detail zu gehen. Baut Dekoder, die man selber einbauen kann. Verzichtet auf Sprüche wie „Dekodereinbau nur im Fachhandel" und droht nicht mit „Garantie-Verlust", wenn jemand eine Lok öffnet. Bietet Experimentier-Dekoder an, mit denen man Kräne umbauen und Schranken ansteuern kann. Macht kein Geheimnis aus eurer Elektronik - Eure Konkurrenz kennt Eure Dekoder sowieso besser als Ihr selber! Lasst doch die Kunden auch mal wieder etwas machen! Ihr wisst als Konstrukteure selber, was es für ein gutes Gefühl ist, etwas entworfen und gebaut zu haben. Versucht dieses Erlebnis mal mit Euren Kunden zu teilen. Gebt uns mehr Verantwortung und vor allem: geht uns Eigenbau-Erfolge zurück! Warum gibt es keine Bausätze für Loks oder Wagen? (Märklin hatte mal eine V200 als Bausatz im Programm!). Wir möchten uns mit einer Lok beschäftigen können. Nur eine Lok kaufen und dann in das bereits überfüllte BW stellen, das gibt uns immer weniger.
Stellt den Kindern nicht nur einen Schienen-Kreis hin, auf dem man eine Lok (oder 2, da digital !) im Kreis fahren kann - das kann die neue Playstation „virtuell" besser.
 
Eltern: erlaubt den Kindern, ins Detail zu gehen, und geht gleich mit. Es ist einfach, etwas in die Ecke zu werfen, wenn man etwas oberflächlich ausprobiert hat - immerhin sind die Kinderzimmer heute derart gut gefüllt, dass man schnell zu einer Alternative greifen kann. Nehmt die Kinder, baut mit Ihnen Häuser und Bäume, später dann vielleicht mal ein bisschen Elektronik. Lasst die Kinder nicht in dem Glauben, man könne die heutige Technik nicht verstehen - irgendeiner wird es später mal verstehen müssen! Und fangt hier ruhig mit einer „analogen" Bahn an!
 
Modellbahner: Mal abgesehen von der Jugend - ich weiss, Eure Regale sind voll, die Schattenbahnhöfe auch. Aber: wenn ein Hersteller nichts mehr verkaufen kann, dann verschwindet er. Wundert euch nicht, das ist Marktwirtschaft. Läden ohne Umsatz verschwinden. Wer immer beim Discounter, angesiedelt auf der grünen Wiese vor der Stadt, einkauft, darf sich nicht wundern, wenn die Läden in der Stadt verschwinden. Wenn Ihr später kein Auto fahren könnt, werdet Ihr nicht wissen, wie Ihr an eure Salami kommt. Macht euch auch zur Philosophie: Wenn ich etwas gut finde, dann kaufe ich es auch. Wenn ich einen Laden mag und nicht verlieren will, dann kaufe ich auch dort, auch wenn es etwas teurer ist. Wenn ich eine Marke nicht verlieren möchte, dann kaufe ich auch diese Produkte, oder werde Insider-Mitglied oder sorge wie auch immer für ein bisschen Umsatz - und zwar nicht nur bei extremen Werbe-Aktionen! Betrachtet eure Geldausgaben auch als eine Abstimmung im Sinne von „weiter so".
 
In diesem Sinne.. Frohes Basteln!

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